Ich poste, also bin ich!


Ich habe heute ein Zitat des Musikers Lenny Kravitz gelesen, das mich sehr nachdenklich gemacht hat: „Wenn ich den ersten Song spiele, sehe ich nichts als Handys. Es ist sehr interessant, wie sehr die Leute konditioniert sind. Für sie ist es das Größte, anderen zu beweisen, dass sie da waren – anstatt einfach da zu sein.“

Und das gilt nicht nur für Konzerte. Heutzutage scheint das Leben vieler Menschen nur noch den Zweck zu haben, alles Erlebte zu filmen und zu fotografieren, um es so schnell wie möglich zu posten und damit erst „wirklich“ werden zu lassen – von der Urlaubsreise über den Kneipenbesuch bis hin zum Essen, das erst fotografiert und dokumentiert und veröffentlicht werden muß, bevor man es genießen kann. Und am besten fotografiert man sich noch ständig selbst, um dies dann ebenfalls zu veröffentlichen, selbstverständlich entweder gleich retouchiert, weil die Realität nicht gut genug ist, oder aber man macht zumindest zwischen 10 und 100 Aufnahmen und sucht sich nur die „besten“ aus, um „im Netz“ einen möglichst guten Eindruck zu machen. 
Die übelsten Auswüchse davon sind dann die Gaffer-Bilder, bei denen Menschen in Not nicht mehr geholfen wird, sondern wortlos mit dem Handy draufgehalten wird, um es dann so schnell wie möglich zu veröffentlichen. 

Doch das alles ist kein neues Phänomen unserer Zeit, auch wenn es heutzutage schräge Auswüchse und beängstigende Dimensionen erreicht hat. Dass das Problem aber dennoch nicht neu ist, sondern in der Natur des Menschen verankert ist, zeigt mir folgendes Koan – Koans sind eine Art „unlösbare Rätsel“ zum darüber-Meditieren, die Zen-Meister bereits vor tausenden Jahren ihren Schülern gestellt haben, damit diese über das verzweifelte Nachdenken darüber womöglich schlagartig Erleuchtung erfahren könnten. Und folgendes uraltes Koan scheint mit geradezu unheimlicher Voraussicht den heutigen Handywahn der sozialen Medien vorwegzunehmen:

„Wenn in einem Wald ein Baum umfällt und niemand ist da, der es hört, macht er dann überhaupt ein Geräusch?“

Offenbar nicht, scheinen immer mehr Menschen zu denken, und setzen alles daran, für ihr Leben möglichst viele Zeugen aufzutreiben, da sie sonst offenbar das Gefühl haben, gar nicht wirklich zu existieren – so groß ist die innere Leere, so fernab Ihrer eigenen Mitte befinden sie sich. Ihre eigene Daseinsberechtigung scheinen sie von außen immer wieder bestätigt zu brauchen: schaut alle her, das ist mein Leben! Es gibt mich, ich existiere, doch, ganz wirklich, ganz echt! Oder nicht? Doch, die Leute interagieren mit mir, zumindest online, ich poste, also bin ich!
Es ist somit nicht die fehlende Bezogenheit mit anderen das Problem, nicht zuviel Selbst-Bezogenheit. Ganz im Gegenteil ist der Moderne Mensch von heute ZU VIEL auf andere bezogen, macht sich abhängig von der Meinung der anderen, und möglichst viele “Likes“, möglichst viele Freunde und Follower in den sozialen Medien scheinen zu beweisen, das man wirklich existiert, scheinen die tiefsitzende Angst, die gefühlte Bedeutungslosigkeit, die Geister der inneren Leere vertreiben zu können. Nur dass man damit leider den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, denn statt dem eigenen Leben lebt man nun ein Leben aus zweiter Hand, ein Leben durch den Sucher der Handykamera, mit dem Filter „was kommt an?“. Anstatt sich zu fragen, „was will ich eigentlich? Wie will ich leben, wo will ich sein, was und wer bin ich und was entspricht mir?“ Anstatt sich danach auszurichten, wird nur „auf Quote“ geschielt: was kommt an? Was gibt Likes? Was wollen die User sehen? Dass dieses Denken nicht gerade die Qualität erhöht, hat das Fernsehen uns allen schon vor den Zeiten des Internets vorgemacht.
Im Prinzip sind inzwischen so viele Menschen zu kleinen Sensationsreportern geworden, die alles nur noch aus dem Blickwinkel ihres Handys betrachten, mit der über allem schwebende Frage „Wie kommt das an?“
Authentisch geht anders…

Ein weiteres, noch berühmteres Koan lautet übrigens: „Wie klingt das Klatschen einer einzelnen Hand?“
Ich bin kein Zen-Meister, und eine allgemeingültige, eindeutige „Lösung“ ist bei einem Koan auch nicht vorgesehen. „Meine“ Auflösung als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin wäre jedoch: Wir Menschen sind Beziehungs-Wesen. Wir existieren nicht für uns allein, wir brauchen „die andere Hand“ zum Klatschen. Niemand ist eine Insel.
UND DOCH ist diese Bezogenheit auf andere nur die eine Seite der Medaillie und ihre Kehrseite, das andere Koan, ist ebenso notwendig für das Ganze: die Bezogenheit auf andere ist eben doch nicht die ganze Wirklichkeit. Der Mensch existiert auch an und für sich – er braucht nicht die Bestätigung anderer, um dadurch überhaupt erst „real“ zu sein.

Gut, die Quantenphysiker sehen das zumindest für die Quantenwelt etwas anders. Schrödingers Katze befindet sich in ihrer Kiste so lange in einem Schwebezustand zwischen tot und lebendig, bis ein Beobachter die Kiste öffnet. Heißt es in diesem vielzitierten Gedankenexperiment der Quantenphysiker.
Der heutige Homo handyensis erinnert mich jedenfalls sehr an Schrödingers Katze: seine Wirklichkeit, ja seine gesamte Existenz scheint für ihn so lange in einem Schwebezustand von „Sein oder Nichtsein“ zu verharren, bis ihm jemand zusieht und seine Erlebnisse (und damit auch ihn selbst) dadurch erst als „real“ bestätigt. 

Was jedoch offenbar in den Köpfen des heutigen Menschen zunehmend unter den Tisch fällt ist eine nicht ganz unwesentliche Erkenntnis: Die Katze selbst weiß, ob sie tot oder lebendig ist. Naja, zumindest weiß sie, ob sie lebendig ist. Auch dann, wenn niemand die Kiste öffnet, um dies zu bezeugen. Und damit hat die Katze den heutigen Menschen einiges voraus, von denen so viele ohne die Bestätigung von anderen nicht mehr zu wissen und zu fühlen scheinen, dass sie lebendig sind.

Wer authentisch in seiner Mitte ruht und einfach im Hier und Jetzt LEBT, der hat keine innere Leere, die mit der Bestätigung anderer erst ausgefüllt werden muß. Der kann z.B. ein Konzert oder eine Reise oder ein Essen auch dann genießen, wenn er es nicht irgendwo postet, ja selbst dann wenn überhaupt niemand davon weiß, außer er selbst. Der spürt sich unabhängig von anderen, der ist selbst-bezogen im eigentlichen (und sehr positiven!) Sinne des Wortes, und und das ist eben ganz und gar nichts Schlechtes. Das ist Freiheit – man KANN andere an seinem Leben aus freien Stücken teilhaben lassen, MUSS es aber nicht. Man braucht die anderen nicht, um einem erst die Daseinsberechtigung zu geben.

Diese Innere Mitte, die Selbstbezogenheit und Bezogenheit auf andere miteinander ins Gleichgewicht bringt, wird auch schön in einem Spruch transportiert, der für mich den gelungenen Prozess der Psychotherapie beschreibt für das ganz große Thema der ganz großen Mehrheit der Patienten, die sich an mich wenden: Probleme mit einem brüchigen Selbstwertgefühl, das als einer von vielen zugrundeliegenden Faktoren den Weg ebnen kann für alle möglichen psychischen Probleme, von Depressionen über Ängste und Phobien bis hin zu Somatisierungsstörungen. Der Spruch, der das Selbstwertproblem und seine Auflösung beschriebt lautet: „Früher habe ich einen Raum betreten, und mich gefragt, ob mich die Leute wohl mögen. Heute betrete ich einen Raum und frage mich, ob ich die Leute mag.“ Es läßt tief blicken, dass so viele Menschen glauben, dieses simple Recht nicht zu haben, sich ernsthaft zu fragen, wer oder was ihnen gut tut – und wer oder was nicht. Und dann entsprechend zu handeln.

Dann kann man ja gerne auch mal sein Essen posten, wenn man sich darüber freut und das beschwingte Gefühl hat, man möchte seine Freunde an dieser Freude teilhaben lassen. Man kann es aber auch lassen – wie man gerade will. 
Und dass man dann bei einem Unfall mit dem Handy draufhält, anstatt zu helfen, wäre wieder das, was es tatsächlich ist: einfach vollkommen absurd.