Verhängnisvolle Fehl-„Diagnose“ in den sozialen Medien


Immer wieder habe ich Klienten in der Einzel-Berziehungsberatung, die verzweifelt um die Beziehung kämpfen und am Ende ihrer Kraft sind. In den sozialen Medien hätten sie gelesen, dass ihre Beziehung „toxisch“ sei und Ihr Partner „Narzißt“, denn er besäße überhaupt keine Empathie und würde einfach immer nur „sein Ding durchziehen“, ohne Rücksicht auf Verluste. Es gäbe erhebliche Mängel in der Kommunikation der Beziehung, ein gegenseitiges Verständnis sei einfach nicht möglich, da sei wie eine „Mauer“ um den Partner, der gemäß der vielen Laienartikel in den sozialen Medien offenbar ein Narzißt und die Beziehung toxisch sei.
Möglich – aber möglicherweise auch vollkommen falsch, denn oft steckt etwas vollkommen anderes dahinter: ein bislang nicht diagnostizierter Asperger-Autismus, der in seinen leichteren Ausprägungen oft bis ins höher Erwachsenenalter unentdeckt bleibt und sich lediglich in nahen Beziehungen zeigt, die irgendwie einfach nicht richtig „rund“ laufen und am Ende oft scheitern, unter großer Verzweiflung beider Beteiligter.
Asperger-Autisten sind meist normal bis überdurchschnittlich intelligent, beruflich oft sehr erfolgreich, häufig in technischen und etwas „nerdigen“ Berufen tätig – und ihr „Anderssein“ zeigt sich oft nur in sozialen Kontakten und engen Beziehungen, in denen sich immer wieder Schwierigkeiten zeigen bezüglich Kommunikation und Einfühlungsvermögen. Und genau hier kommt es oft zur folgenschwere Verwechslung mit einem Narzißten: ein Narzißt kann sich sogar ausgezeichnet in sein Gegenüber einfühlen – und nutzt dies zur Manipulation, um seine Belange durchzusetzen.
Ein Asperger-Autist dagegen KANN sich nicht oder nur sehr bedingt in sein Gegenüber einfühlen; er kann Körpersprache, Mimik und Andeutungen nicht intuitiv erfassen, und das Verhalten seines Gegenübers ist für ihn deshalb oft genauso ein Rätsel wie umgekehrt seine Reaktionen für seine Mitmenschen.
Manipulation ist ihm darum auch schlichtweg kaum möglich, weil ihm das ganze Konzept und auch der Sinn von Manipulation fremd ist – ebenso wenig merkt er es, wenn sein Gegenüber versucht, ihn zu manipulieren. Dies ist vermutlich der größte Unterschied zu einem Narzißten: ein „Aspie“, wie sich die Betroffenen selbst gerne nennen, kann sich nicht verstellen, noch nicht einmal dann, wenn es höflich oder angebracht wäre, dies zu tun. Er ist immer authentisch, auch um den Preis, andere vor den Kopf zu stoßen. Führt dies dann – natürlich – zu Problemen in engen Beziehungen, steht er ratlos davor. Er war doch nur ehrlich! Die Reaktionen seiner Mitmenschen auf sein So-Sein sind ihm immer wieder ein Rätsel – und da er nicht nachvollziehen kann, dass andere Menschen in der gleichen Situation auch anders hätten handeln können, was ihm eben nicht möglich ist, kann er dies selbst dann nicht verstehen wenn man es ihm sagt – derartige Wahlmöglichkeiten kommen in seiner Welt einfach nicht vor, und so kommt es immer wieder zu Mißverständnissen und Schwierigkeiten in engen Beziehungen, und frustrierter Verzweiflung auf beiden Seiten.
Asperger-Autismus ist KEINE psychische Erkrankung sondern eine angeborene neurologische Besonderheit, deren Ursache noch nicht wirklich ausreichend erforscht und die auch nicht behebbar ist. 
Eine Beziehung zwischen einem Asperger-Autisten und einem „neurotypischen“ Menschen wird jedoch wohl immer sehr schwierig bleiben – wichtig und der erste Schritt zu einer Besserung der oft angespannten Beziehung ist aber zunächst einmal die Erkenntnis, dass einer der Partner Asperger-Autist sein könnte. Einen ersten Hinweis (eine Diagnose kann selbstverständlich nur von einem hierauf spezialisierten Arzt oder Psychologen gestellt werden) kann dieser kostenlose online-Screeningtest geben: https://www.psychotherapiepraxis.at/surveys/test_asperger.phtml