Introvertiert - die Welt im Inneren


Eine Gruppe von Menschen liegt mir ganz besonders am Herzen, denn sie wird selbst von Therapeuten oft unterschätzt und in ihren Besonderheiten und Stärken nicht ausreichend berücksichtigt: Die große Gruppe der Introvertierten.

Und um das größte Mißverständnis gleich zu Beginn auszuräumen: Nein, introvertiert sein hat nichts mit schüchtern sein zu tun! Natürlich kann ein Introvertierter auch schüchtern sein, aber es ist keinesfalls die Regel. Introvertiertheit und Extravertiertheit (ja, die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung heißt extravertiert, nicht extrovertiert) sind sozusagen zwei Grundvarianten, in der das menschliche Gehirn als "Hardware" ausgeliefert wird. Entweder benötigt ein Mensch im Grundzustand intensive Außenreize und blüht erst auf, wenn er möglichst viel "Action" und Kontakt erlebt. Oder er hat ein intensives Innenleben, so dass zu viele Außenreize bald als " zu viel" empfunden werden, und ein regelmäßiger Rückzug nach innen nötig wird, um in der Ruhe und im Alleinsein neue Kraft zu tanken. Beide Grundvarianten sind weder "richtig" noch "falsch" - sondern einfach nur anders!

Auf Facebook habe ich mit der Seite Introvertiert - die Welt im Innern eine Informationsseite geschaffen, die dazu beitragen soll, die zahlreichen Vorurteile und Benachteiligungen, denen Introvertierte in unserer lauten, extravertierten Leistungsgesellschaft ausgesetzt sind, abzubauen.

In einer lauten Gesellschaft, in der nur gesehen wird, wer ebenfalls laut ist, neigen Introvertiere dazu, sich zu verbiegen, um "dazuzugehören" und nicht aufzufallen. Die meisten folgen jahrzehntelang dem Strom und haben dabei stets das Gefühl, "falsch drauf" zu sein, und eben irgendwie doch nicht "dazuzugehören", bevor sie verstehen: "Ich ticke einfach nur anders und das ist völlig ok." Diese Erkenntnis ist dann oft der Beginn einer großen inneren Stärke. Zu dieser Stärke möchte ich durch informative Aufklärungsarbeit so vielen Introvertierten wie möglich verhelfen - denn die Welt braucht die wertvollen Beiträge der Introvertierten, um wieder mehr in Balance zu kommen.

Hochsensible ticken anders


In den letzten Jahren ist eine weitere Gruppe in den Fokus gerückt, die zum großen Teil (aber nicht nur!) aus Introvertierten besteht: die Gruppe der Hochsensiblen. Sie empfinden tiefer und werden von ihren Gefühlen und den Reizen der Umgebung oft überwältigt. Sie sind überaus empathisch und haben oft das Gefühl, nicht in diese harte und laute Welt zu passen. Früher hätte man sie als „sentimental“ bezeichnet, und viele Ältere werden sich an den verächtlichen Spruch „sei nicht so sentimental“ erinnern, wenn sie fremdes Leid anschauen mußten und dies kaum aushalten konnten, sei es Leid von wildfremden Menschen oder von Tieren. Heute nennt man solche Menschen „überempfindlich“, „zu weich“, oder auch „Gutmenschen“. Was gleich geblieben ist, ist dass man ihnen einzureden versucht, „falsch drauf“ zu sein und nicht in diese pragmatische und nüchterne Welt zu passen. Letzteres ist auch ihr Grundgefühl - Hochsensible fühlen sich von der Welt und vom Leid und den Konflikten darin überwältigt.
Dies nicht länger als Schwäche, sondern als Stärke begreifen - die Welt braucht viel mehr solcher Menschen, die sich nicht länger verstecken sollten - spricht sich unter Hochsensiblen langsam, aber sicher herum. Dennoch werden sie oft nicht verstanden, und viele Therapeuten betrachten Hochsensibilität bis heute nicht als eigenständige Eigenschaft. Leider - aber auch dies beginnt sich mehr und mehr zu wandeln, und dies finde ich wichtig.